12 Monate später - Statistik meiner öffentlichen Ladesäule
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Moritz Leicht -
6. Januar 2024 um 18:55 -
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14 Antworten
Insgesamt gingen an meiner öffentlichen 2x 22 kW Ladesäule im Laufe von 2023 exakt 6.402,86 kWh über die beiden Zähler. Davon wurden 5.000,50 kWh klassisch öffentlich verkauft, der Rest ging an Freunde auf Besuch, Testläufe mit meinen Autos und bei Fotoshootings für diese Webseite über die Säule. Meine Statistiken im weiteren Verlauf beziehen sich ausschließlich auf die Ladungen des öffentlichen Verkaufs.
In der Vergangenheit ging ich bereits darauf ein, wie man so eine Säule aufbaut und wie man das alles auf eine Hausanschluss bekommt:
- Meine öffentliche 22 kW Ladesäule (Aufbau und Betrieb)
- Meine eigene öffentliche Ladesäule, zusätzlich zu 5 privaten Ladepunkten (Lastmanagement)
Standort und Nutzung der Ladesäule
Meine öffentliche Säule ist auf dem Dorf, in der Gegend gibt es einen Campingplatz (500 m), ein Sportstudio (450 m), einen Ferienpark (100 m) und ein Freibad (500 m). Sie ist die einzige öffentliche Ladesäule im Dorf und wir haben hier knapp 1.400 Einwohner. Der Platz vor der Säule wurde Ende März gepflastert und nachts ist die Säule beleuchtet.
Dank ganz normaler Backendanbindung erscheint die Säule in praktisch allen Apps und kann mit praktisch allen Ladekarten freigeschaltet werden. So wie auch jede andere öffentliche Ladesäule. Zusammen mit der Beleuchtung war mir die Anbindung in reguläre Apps sehr wichtig.
Zu meiner persönlichen Überraschung wird die Säule überhaupt genutzt. Wir hatten zuvor eine NewMotion (aka Shell Recharge) Ladestation mit 1x 11 kW und diese wurde nur sehr wenig von 2020 bis zum Aufbau dieser Säule genutzt. Seite diese öffentliche Ladesäule steht, wird sie zunehmend von allerlei Leuten aus dem Ort in regelmäßigen Abständen genutzt. Die meisten Leute sind Einwohner, welche von ihrem Arbeitgeber eine Ladekarte für ihren Firmenwagen bekommen und entsprechend rechnet es sich für diese ihr Auto an der Säule zu laden, anstatt daheim an der eigenen Wallbox. Die restlichen Nutzer sind nahezu alle Leute, welche Bekannte und Freunde hier im Dorf besuchen.
Beispielsweise ein niederländisches Kennzeichen habe ich an der Säule nur einmal gesehen, obwohl der Campingplatz im Sommer voll damit ist. Ebenfalls praktisch nie gab es Leute, welche den Ladevorgang über im Auto gewartet haben. Die Säule wird offensichtlich von Leuten genutzt, welche in direkter Umgebung ein Ziel oder eine Beschäftigung haben. Nicht von Leuten, welche hier auf der Durchreise sind und schnell weiter wollen.
Belegung der beiden Ladepunkte
Beide Ladepunkte haben jeweils eine Anschlussleistung von 22 kW und unterscheiden sich auch sonst in keinster Weise. Dennoch ist eine starke Tendenz zum rechten Ladepunkt da. Von den insgesamt 210 Ladevorgängen gingen 151 (72 %) über diesen. Dabei liefen 3.146 kWh (63 %) des Durchsatzes in die Autos. Da es von der Garage daneben eine private Tür gibt, welche auf diesen Ladeplatz öffnet, hätte ich es eher andersrum erwartet. Mit dem Hintergedanken, dass Leute Sorge haben, die Tür könnte ihnen das Auto vermacken.
Tatsächlich haben aber die meisten sogar so geparkt, dass die Tür das Auto treffen könnte. Anstatt 1-2 Meter weiter vorne, wo das Ladekabel problemlos hingereicht hätte und das Auto aus der "Gefahrenzone" wäre. Wenn man sich die Ladevorgänge anguckt, dann steht letztendlich eigentlich jeder bevorzugt so an der Säule, dass der Ladeport auf der Seite ist, welche am nächsten an der Säule ist.
Dazu passt, dass regelmäßige Ladegäste eigentlich immer an der gleichen Stelle stehen und am gleichen Ladepunkt laden. Bei genauerer Betrachtung fällt außerdem auf, dass meist sogar ein Muster hinter deren Ladevorgängen zu erkennen ist. Die einen machen beispielsweise immer kurz vor dem Wochenende das Auto nochmal voll, die anderen alle paar Tage, solange es noch hell ist und wieder andere beispielsweise bevorzugt jeden Dienstag.
Leute, welche nicht aus dem Ort sind, laden meist am Wochenende.
Statistisch gesehen wird um 16:00 Uhr am häufigsten ein Ladevorgang gestartet. Letztendlich ist aber davor und danach die Wahrscheinlichkeit kaum höher oder niedriger, dass jemand einen Ladevorgang startet. Ähnlich ist es mit dem Ende der Ladevorgänge. So kommt es auch, dass statistisch gesehen um 15:52 Uhr am häufigsten die Ladevorgänge beendet werden. Ein durchschnittlicher Ladevorgang geht 3:32 Stunden und bezieht in dieser Zeit 23,81 kWh, was auf eine durchschnittliche Leistung pro Ladevorgang von 6,75 kW kommt.
Pro Ladepunkt und Tag ergibt sich so ein Durchsatz von 6,85 kWh. Daran ist auch zu sehen, dass eher selten zwei Autos gleichzeitig an der Ladesäule stehen. Sodass es praktisch keine Zeit gibt, in der jemand nicht laden konnte, weil alles belegt war.
Der Ladevorgang mit dem größten Durchsatz war ein Porsche Taycan, welcher innerhalb von 3:39 Stunden 74,42 kWh mit einer durchschnittlichen Leistung von 20,33 kW bezog. Der längste Ladevorgang ging 17:44 Stunden und bezog 71,19 kWh, der kürzeste Ladevorgang ging 23 Sekunden und bezog 0 kWh. Den größten Durchsatz an einem Tag gab's am 5. Oktober 2023 mit 131 kWh.
Methoden zur Freischaltung der Ladesäule
Teil der deutschen Ladesäulenverordnung ist, dass Ladepunkte auch ohne bestehenden Vertrag oder dergleichen freigeschaltet werden können müssen. Das sogenannte AdHoc laden ist üblicherweise ein QR-Code, welcher an den einzelnen Ladepunkten angebracht ist, per Handy gescannt wird und einen dann auf eine Webseite weiter leitet. Auf dieser kann man dann den Ladevorgang per Kreditkarte freischalten.
So sollen auch fremde Nutzer und vor allem Ausländer problemlos Ladevorgänge starten können.
An meiner Säule wurden genau 0,9 % aller Ladevorgänge (2 Stück) über diese Methode freigeschaltet und darunter kein einziges ausländisches Fahrzeug. 62,9 % (132) Ladevorgänge wurden per RFID-Karte direkt an der Säule und die übrigen 36,2 % (76) per App freigeschaltet. Diese Werte wiederum überraschen mich überhaupt nicht. Zwar ist an der Ladesäule besten Mobilfunknetz, dennoch geht es am schnellsten kurz die RFID-Karte zu zücken, an die Säule zu halten und den Ladevorgang zu starten.
Technisch unterstützt die Ladesäule übrigens auch Plug & Charge, aber leider gibt es noch weder Ladekartenanbieter, noch Backends, welche dies an Typ 2 Säulen unterstützen. Mit der dritten Ladesäulenverordnung wird es außerdem ab 1. Juli 2024 Pflicht, dass frisch errichtete CCS-Ladepunkte per Debit- oder Kreditkarte freigeschaltet und bezahlt werden können müssen.
Das betrifft meine Typ 2 Ladesäule zum Glück nicht, wird aber meiner Einschätzung nach nicht viel öfter genutzt werden, als zuvor die vorgeschriebene AdHoc-Ladung. Wenngleich es den Preis der kWh treiben wird, weil es zusätzliche Technik und Services benötigt. Zukunftsorientierter und günstiger wäre es gewesen, Plug & Charge verpflichtend zu machen. Vor allem auch, weil Ausländer keine Debitkarte haben. Ebenfalls ein Thema, auf das ich in der Vergangenheit bereits tiefer einging.
Steigende Absatzzahlen über das Jahr
Im Januar hatten wir einen einzelnen Ladegast, welcher sehr regelmäßig und viel seinen Dienstwagen bei uns geladen hatte. Der brach im Februar weg, seither wächst der Absatz aber dennoch Monat für Monat. Es scheint sich rum zusprechen, dass es hier eine Säule gibt. Wir sehen immer mehr neue Fahrzeuge, welche dann zunehmend regelmäßig hier sind.
Ende März war die Säule etwa 2 Wochen lang auf Wartung und damit nicht nutzbar, da der Platz davor gepflastert wurde. Entsprechend war das auch der schwächste Monat. Danach hatte man durchaus gemerkt, dass mehr und mehr Leute sie nutzen. Ein teilweise geschotterter und mit Gras überwachsener Ladeplatz scheint ganz klar abschreckend zu sein.
Wie schon weiter oben erwähnt, hätte ich nicht gedacht, dass so viel an der Säule los sein wird, wie es nun ist. Dennoch ist es zu wenig, als dass die Säule sich irgendwann tragen und ihre Investitionskosten wieder reinholen würde, um mal Gewinn zu machen. So spannend das Wachstum über das Jahr war, so weit weg ist sie im Jahr 2024 auch direkt wieder davon, in die Gewinnzone zu kommen.
Was 2023 noch stark half, war die THG-Quote für die verkauften kWh. Wie bei den PKWs auch, bricht diese auch für Ladesäulenbetreiber zunehmend weg und ist kaum noch der Rede wert. Während im Jahr 2023 noch ein monatlicher Durchsatz von gut 950 kWh fällig war, um in die Gewinnzone zu kommen, sind es ab 2024 dann 1.600 kWh.
Limitierender Faktor sind ganz klar die Onboradlader der Elektroautos, weswegen es auch wenig verwunderlich ist, dass Ladesäulenbetreiber zunehmend auf CCS setzen. Wie ich bereits in einem vergangenen Post schrieb, kosten diese zwar mehr als Typ 2 Säulen. Sie machen aber mehr Umsatz, als sie kosten. Sodass sie sich dennoch schneller rechnen, mehr dazu hier.
Abschließend habe ich noch geguckt, wie meine Säule im Vergleich zu anderen Säulen dasteht. Ob sie denn nun eher viel oder eher wenig Strom umsetzt. Praktischerweise führt die Stadt Rüsselsheim eine Statistik auf deren Seite. Hier mal die Kennzahlen von meiner Säule in 2023 im Vergleich zu deren Kennzahlen (08/2021 bis 05/2023). Daran wird deutlich, dass meine Säule eher überdurchschnittlich ist:
Es war mir von Anfang an klar, dass diese Säule sich nicht tragen wird. Entsprechend ist es für mich auch kein Verlust, dass es kam wie ich es erwartet hatte. Mir geht es bei dem Projekt eher darum zu sehen, wie so etwas genutzt wird und was man im laufenden Betrieb so für Aufwände und Feststellungen hat. Follower kommentierten in der Vergangenheit auch schon, dass ich diese Säule beobachte, wie andere das Vogelhäuschen bei im Garten beobachten und sich daran erfreuen.
Außerdem ist es natürlich für smart EMOTION eine super Location für Fotos von aktuellen Autos, welche ich im Test habe und um Dinge ausprobieren zu können, welche im smart EMOTION Forum aufkommen. Spannend ist sie auch für Artikel, in denen ich genau zeige, was in der Säule eigentlich drin ist: Wie sieht's eigentlich in einer Typ 2 Ladesäule aus und wie funktioniert sie?
Es zeigt aber natürlich dennoch auch, wie es mit Typ 2 Ladestationen weiter geht und in gewissem Maß auch, warum diese schon heute von Autobahnen verschwinden.
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